Das Massaker unserer Illusionen

Quelle: ilrig.org Leonard Gentle, 23.8.2012

Das Massaker von unseren Illusionen 1 … und die Saat von etwas Neuem

Die Geschichte von Marikana ist bisher oberflächlich als Zänkerei zwischen Gewerkschaften gezeichnet worden. In den ersten Tagen nach dem verhängnisvollen Donnerstag und dem Schock und Horror, als Menschen vor laufenden TV-Kameras massakriert wurden, gab es richtigerweise einen Aufschrei aus Zorn und Kummer. Natürlich möchte niemand die Verantwortung übernehmen, denn das würde bedeuten, die Schande zu akzeptieren. Einige ExpertInnen sind sogar so weit gegangen, davor zu warnen, „mit dem Finger“ auf irgendjemand zu zeigen, oder „Zorn zu zeigen“. Dieser Blödmann, Julius Malema, tat sich damit hervor, als handle er drehbuchgemäß, und prompt verlieh er diesen Warnungen Glaubwürdigkeit. Deshalb konnte Zuma’s Vorstoß mit einer Untersuchung und sein Aufruf zu einer Trauerwoche für die Verstorbenen und ihre Familien konnte den Eindruck von „staatsmännisch“ erwecken.

Aber das ist nicht bloß eine Geschichte des Elends, der Gewalt und der Trauer. In diesen Ausdrücken zu sprechen würde bedeuten, den Verletzungen, die den streikenden Arbeitern von der Polizei beigebracht worden sind, dieselben Verunglimpfungen hinzuzufügen, wie es viele Kommentatoren getan haben – die, die streikenden Minenarbeitern als reine Opfer zu betrachten und nicht als Vertreter ihrer eigenen Zukunft und, noch wichtiger, als Quelle einer entstehenden neuen Bewegung.

Der breitere Platin-Gürtel war in den letzten fünf Jahren Heimat neuer Aufwallungen von Kämpfen – von den AktivistInnen der Arbeiterklassen-communities von Merafong und Khutsong – die den späteren ANC-Vorsitzenden Terror Lekota verjagten – bis zu den streikenden ArbeiterInnen von Anglopat, Implat und jetzt Lonmin. Diese Kämpfe – zu denen auch die landesweiten Revolten für „grundlegende Dienstleistungen“ 2 zählen – sind die Anzeichen einer neuen Bewegung, die sich formiert trotz der staatlichen Gewalt, die Andries Tatane ermordete und die Lonmin-Arbeiter massakrierte. Anstatt bloß unsere Empörung hinauszuschreien ist es an der Zeit, Stellung zu beziehen und unsere Unterstützung anzubieten.

Marikana rangiert jetzt neben den Massakern von Sharpeville und Boipatong in der abscheulichen Geschichte einer Methode von Kapitalakkumulation, die auf Gewalt beruht. Die moralische Legitimität des ANC als führende Kraft im Kampf um Demokratie ist nun unwiderruflich dahin und der Kampf um soziale Gerechtigkeit ist nun übergegangen auf eine völlig neue ArbeiterInnenklasse – ein Teil von ihr die ArbeiterInnen bei Lonmin, die in den Streik traten – die sich außerhalb der Dreiparteien-Allianz und ihrer angegliederten Teile befindet. 3

So betrachtet werden die Dinge nach Marikana nie wieder wie früher sein.

Erstens markieren die Morde das Ende der Illusion eines hohen moralischen Standards, den der ANC okkupiert habe, und den Abschluss seiner Umwandlung in die herrschende Partei des großen Kapitals. Für einige Zeit konnte der ANC mit seinem Ruf als Befreier arbeiten und behaupten, dass jede Kritik aus den Reihen derer kam, die versuchten, ihre weißen Privilegien zu verteidigen. Die DA 4 passte natürlich perfekt in diese Rolle, denn sie griff den ANC immer deshalb an, weil er nicht unternehmerfreundlich genug gewesen sei. NGOs, die mit Kritik an den Angriffen des ANC auf die Medien- und Redefreiheit hervorgetreten sind, konnten als „aus dem Ausland finanziert“ denunziert werden, oder dass sie dunkle, verborgene Ziele verfolgten, oder sie Werkzeuge des Angriffs der Liberalen auf die herrschende Mehrheit seien.

Aber Marikana war ein Angriff auf ArbeiterInnen, die sich gegen weiße Privilegien verteidigen – namentlich gegen das Bergbauunternehmen Lonmin. Obwohl dieses zum Teil einer von Cyril Ramaphosa’s 5 Firmen gehört, zählen zu den großen Anteilseignern britische Investoren und die Firma des ehemaligen Südafrikaners Mick Davis, Xstrata.

In diesem Punkt tritt der ANC direkt in die Fußstapfen seiner Vorgänger – der Nationalistischen Partei der Apartheid und Smut’s Südafrikanischer Partei – indem er die Gewinne des Minenkapitals mittels Gewalt schützt.

Zweitens markieren der Streik und das Massaker einen Wendepunkt in der Befreiungsallianz rund um den ANC – vor allem COSATU. Während die community und die Jugendflügel dessen, was die demokratische Massenbewegung der 1980er und 1990er Jahre genannt wurde – vor allem SANCO 6 und SAYCO 7 (erinnert euch, die UDF 8 wurde vom ANC aufgelöst) – wegen ihrer Verbindungen zu korrupten Stadträten in Ungnade fielen und durch die „Dienstleistungen“-Revolten in den Hintergrund traten (und die ANCYL 9 zur Heimstätte für Tenderpeneurs 10 wurde), erfuhr die moralische Autorität von COSATU nach 1994 einen Aufschwung. Innerhalb der sogenannten „Zivilgesellschaft“ blieb COSATU weiterhin eine moralische Stimme. Deshalb suchten alle, die eine Kampagne initiieren wollten – ob um die Einschränkungen der Medienfreiheit zu bekämpfen oder im Kampf um erneuerbare Rohstoffe – COSATU als Partner zu gewinnen. Diese moralische Autorität schuf sich COSATU einfach dadurch, dass der Verband die größte organisierte Stimme innerhalb der ArbeiterInnenklasse war.

Heute sind die Verbindungen von COSATU zur ArbeiterInnenklasse nur noch sehr dünn.

Wie selbstverständlich gehen wir von der Vorstellung aus, dass einE ArbeiterIn jemand ist, die/der für einen klar definierten Arbeitgeber arbeitet, auf Basis von Vollzeit, in einer großen Fabrik, Mine oder einem Supermarkt. Tatsächlich wurden die klassischen Industrie-Gewerkschaften von ArbeiterInnen geschaffen in großen Fabriken und Anlagen und in Industriegebieten geschaffen. Das war in vielen Ländern der Fall, in denen solche Gewerkschaften für sich das Recht erkämpften, sich zu organisieren und Kollektivverträge auszuhandeln – auch in Südafrika als nach den 1973er Streiks in Durban neuerlich eine Anzahl von großen Gewerkschaften geschaffen wurde. Und diese Strukturierung der Arbeit wurde begleitet von der entsprechenden Strukturierung der Wohngebiete in den townships. Ab den 1950er Jahren – und verstärkt ab den frühen 70er Jahren – musste das Apartheid-Südafrika die faktische Existenz eines niedergelassenen Proletariats zur Kenntnis nehmen, und so entstanden die Zündholzschachtel-Ziegelhäuser in den townships der Apartheid-Zeit: die Sowetos, Kathlehongs, Tembisas und so weiter.

So wurde die ArbeiterInnenklasse durch den Kapitalismus in großen industriellen Anlagen und in Ziegelhäusern in sich immer weiter ausdehnenden townships organisiert.

Seit den 1980ern hat die neoliberale Phase des Kapitalismus das verändert.

Beim Neoliberalismus ging es nicht nur um Privatisierung und globale Spekulation. Es ging auch um die Restrukturierung der Arbeit und des Wohnens. Die heutige Prekarisierung, die Heimarbeit, Arbeitsverleiher und andere Formen der Informationalisierung 11 oder des Outsourcing wurden zur vorherrschenden Form von Arbeit – falls überhaupt Arbeit verfügbar ist – und Obdachlosigkeit und Barackensiedlungen zur Existenzform der ArbeiterInnenklasse. Letztere steht in umgekehrtem Verhältnis dazu, wie sich der Staat aus dem Wohnbau und der Lieferung von Dienstleistungen 12, die bei formellen Siedlungen selbstverständlich scheinen, zurückzieht.

Vor zwanzig Jahren hätten die Lonmin-ArbeiterInnen in einer Anlage gewohnt, die von dem Unternehmen zur Verfügung gestellt und von ihm polizeilich überwacht worden wäre. Heute leben die MineurInnen in einem Slum neben der Mine.

Auch der Minenbetrieb selbst hat sich verändert. Der Großteil der harten Arbeit unter Tage wird jetzt von Arbeitern gemacht, die von Arbeitsvermittlern angeheuert wurden. Das sind die am meisten ausgebeuteten und am unsichersten beschäftigten ArbeiterInnen, mit den längsten Arbeitszeiten und den flexibelsten Verträgen. Es ist sogar möglich, eine Mine zu besitzen, sie aber nicht selbst auszubeuten, sondern Ingenieursbüros wie Murray & Roberts damit zu beauftragen. Weiters gibt es sogenannte „illegale MineurInnen“, die buchstäblich mit Spaten und ihrem eigenen Dynamit arbeiten und dann an Mittelsmänner weiterverkaufen, die wiederum Verbindungen zum big business haben. 13

Lonmin hat diese Differenzierungen ausgenutzt – verschärft um die alte Strategie der Minenbesitzer, nach tribalen und regionalen Unterschieden zu rekrutieren – die Mineure bei Lonmin waren als Xhosa bekannt, die von Ost-Kap in eine Gegend gebracht wurden, die vorwiegend Tswana-sprachig bewohnt ist – um die Ausbeutung bei den Mineuren zu steigern, während mit den FacharbeiterInnen und den in der NUM organisierten Angestellten bessere Verträge abgeschlossen wurden.

Fügen wir den giftigen Mix von Sicherheit in den Minen, stacheldrahtbewehrten Einfriedungen und informellem Wohnen hinzu – wie er von FoscherInnen von Benchmarks 14 erhoben wurde und es entsteht ein Bild institutionalisierter Gewalt.

Im Gegensatz dazu haben die vorherrschenden Gewerkschaften in Südafrika sich nach oben bewegt – zu den Angestellten und weg von dieser Mehrheit. Heute sind die großen Teilgewerkschaften von COSATU Angestellte im öffentlichen Dienst – die SA Democratic Teachers’ Union (SADTU), die National Education, Health and Allied Workers’ Union (NEHAWU) und die Gewerkschaften der Angestellten in den halbstaatlichen Unternehmen – die Telkom and Communication Workers’ Union (CWU), Transnet und SATAWU. Die schlechtergestellten ArbeiterInnen befinden sich nun bei Arbeitsvermittlern und in Dienstleistungen, die völlig outgesourced wurden – wie Putzarbeiten, Sicherheitsunternehmen etc., deshalb fallen sie nicht in die Lohnskalen des Public Sector Bargaining Council

Der Lonmin-Streik war der zweite in den letzten 3 Monaten im Platin-Sektor. Vor ihm gab es den Streik bei Implat (und davor den bei Angloplat). Bei allen mischte die AMCU mit, weil die ArbeiterInnen nach einem Ventil für ihre Frustration suchten. In diesem Sinn hat der letzte Streik bereits seit Jahren vor sich hingeköchelt.

Die Zeitung Miningmix veröffentlichte diese Geschichte im Jahr 2009 …

Während der letzten 15 Jahre hat es eine graduelle Veränderung beim Profil der NUM-Mitglieder gegeben; eine, die niemand zur Kenntnis genommen hatte. Die NUM war ursprünglich in den niedrigsten Job-Kategorien der südafrikanischen MinenarbeiterInnen entstanden, vor allem in den Goldminen. Mehr als 60% ihrer Mitglieder waren AusländerInnen, die meisten von ihnen ungebildete migrantische ArbeiterInnen.

Heutzutage ist deren Anzahl auf unter 40% gesunken. Auf der anderen Seite kommt eine zunehmende Anzahl von NUM-Mitgliedern aus den Reihen der Angestellten, die zuvor ausschließlich von Solidarity und der UASA vertreten worden waren. Die lokalen NUM-Strukturen in Rustenberg, wie die ZweigstellenleiterInnen und die BetriebsrätInnen sind dominiert von diesen ausgebildeten, „höherwertigen“ ArbeiterInnen. Sie sind belesen, verstehen es zu sprechen, sind wohlhabend im Vergleich zu der Masse der ArbeiterInnen und zu den Arbeitern an den Maschinen unter Tage. Beispielsweise gibt es zwei NUM-Zweigstellen bei Implats – Nord und Süd. Und die Vorsitzenden bei beiden Zweigstellen waren Nutznießer der 18%-Bonuszahlung, an der sich der Streik entzündete. Während Lohnverhandlungen im September 2011 wollte Implats den Mineuren eine höhere Lohnerhöhung geben als dem Rest der Belegschaft, aber ein Komitee der NUM-BetriebsrätInnen forderte, dass die Erhöhung unter der gesamten Belegschaft gleichmäßig verteilt wird. Müßig zu erwähnen, dass nicht ein einziger Mineur im Betriebsratsvorstand saß.“

Während also die NUM die größte Teilgewerkschaft von COSATU bleibt, entwickelt sie sich von einer Gewerkschaft der Unter-Tage-Arbeitenden zu einer Gewerkschaft von angestellten Technikern. Diese Entwicklung innerhalb der NUM führte zur Schaffung der abgespaltenen Gewerkschaft – der AMCU. Wie es auch immer um die Berechtigung von AMCU stehen mag, ihr Auftauchen ist eine direkte Herausforderung der Hegemonie der NUM und von COSATU. Deshalb hat die Föderation eine infame Rufmordkampagne gegen die streikenden ArbeiterInnen und ihre Gewerkschaft begonnen.

Dabei wurde sie von den Medien unterstützt.

Mit – der bemerkenswerten – Ausnahme der Cape Times, die Geschichten über Familienmitglieder der toten Arbeiter Raum einräumte und im Editorial über die Praktiken der Polizei und von Lonmin schrieb, haben die Medien im Gleichklang die streikenden ArbeiterInnen dämonisiert. Nicht nur haben sie ausschließlich NUM-Quellen bei der Information über den Streik zitiert oder Malema’s Opportunismus in den Mittelpunkt gestellt, es gab keinerlei Versuch, abseits der Vorstellung von manipulierten ArbeiterInnen und Rivalität zwischen Gewerkschaften zu recherchieren.

Im allgemeinen haben alle die Mineure als ungebildet, als Xhosa aus Basotho oder Ost-Kap etc. dargestellt, während sie die Vorstellung einer Lohnerhöhung auf 12.500 Rand als „grundlos“ geprügelt haben (niemand hat jemals auch nur versucht herauszufinden, was Mineure momentan tatsächlich verdienen).

Und dann gibt es die Vorstellung, dass die ArbeiterInnen zu AMCU gewechselt sind, weil diese ihnen 12.500 Rand versprochen hat. Diese Fiktion wird von den Medien endlos wiedergekäut. JournalistInnen sind natürlich glücklich, so etwas von (nicht genannten) NUM-Quellen zu erfahren, und sie sind einfach zu faul, den Wahrheitsgehalt bei den streikenden ArbeiterInnen selbst zu überprüfen, oder bei AMCU, ja sie beachten nicht einmal das Prinzip, dass hinzugefügt wird, dass es sich dabei um eine unbegründete Behauptung aus NUM-Quellen handelt. Der Rufmord dabei ist, dass ArbeiterInnen scheinbar so leicht zu manipulieren sind, dass sie jedem leere Versprechung Glauben schenken. Das spielt dem Vorurteil – wie es von Frans Baleni von der NUM von seinem Nyala aus 15 wiederholt wurde – dass die Mineure ignorant und ungebildet seien, in die Hände – und es verstärkt die Vorstellung, dass AMCU eine aalglatte Operation sei, die die Verantwortung für das Massaker übernehmen muss.

Alle, die auch nur ein wenig Erfahrung im Organisieren haben, wissen, dass Gewerkschaften nicht wie ein Versicherungsmakler zu den ArbeiterInnen kommen, oder wie Lexikon-Verkäufer. Hauptsächlich schaffen sich ArbeiterInnen selbst ihre Komitees, und dann schicken sie eine Delegation zum Gewerkschaftsbüro und fordern, dass ein organiser kommt und ihnen zuhört … oder sie zwingen einfach ihren Unternehmer, eine Gewerkschaft zu kontaktieren und nach einem Vermittler zu rufen.

Noch wird irgendeine Entscheidung während eines Streiks, und schon gar bei diesem Streik – einem wilden Streik, unter dem Schirm einer nicht anerkannten Gewerkschaft, an einem Arbeitsplatz unter Minenbedingungen und wo die ArbeiterInnen weit weg sind von daheim, in einer fremden Gegend – jemals leichtfertig getroffen. Wilde Streiks sind vermutlich die bewusstesten Akte von Aufopferung und Courage, die jemand begehen kann, angetrieben vom Zorn und der Verzweiflung und in vollem Bewusstsein, dass du deinen Job verlieren könntest und damit die Lebensgrundlage deiner Familie.

In normalen Zeiten können Gewerkschaften sich zu einer riesigen bürokratischen Maschinerie entwickeln, wie ein Unternehmen oder ein Ministerium, mit Verhandlungen, die von kleinen Teams von nicht mehr als einem Dutzend Leuten geführt werden, weit entfernt von den tausenden gewöhnlichen Mitgliedern. Streiks verändern das alles … plötzlich sind die Gewerkschaften gezwungen, die Bestrebungen ihrer Mitglieder in Bahnen zu lenken.

Was immer die Verdienste von AMCU oder einer demokratischen Gewerkschaft sein mögen, oder einer Gewerkschaft mit irgendeiner Vision von Veränderung, wie immer die Beteiligung von Themba Godi oder von wem auch immer ausgesehen hat, die ArbeiterInnen von Marikana haben ihre Entscheidungen selbst getroffen – Mitglieder von AMCU zu werden und alles zu riskieren – selbst ihr Leben – für eine bessere Zukunft.

Dafür schulden wir ihnen mehr als nur Sympathie. Es muss organisiert und eine Bewegung aufgebaut werden.

Vor fast 40 Jahren – 1973 – traten ArbeiterInnen von Unternehmen wie der Frame Group in Durban mit einer Reihe wilder Streiks – damals waren sie wirklich illegal – ins Rampenlicht. Nun wird dieser Vorfall von jedermensch als Teil des Wiederauflebens der Massenbewegung gegen die Apartheid gefeiert, und als die Geburtsstunde einer neuen Phase radikaler Gewerkschaftsbetätigung – die in der Gründung von COSATU 1985 kulminierte.

Aber 1973 haben die Medien die Drohung mit Gewalt hervorgehoben und nach der Wiedereinführung von Gesetz und Ordnung geschrieen. Der Apartheid-Staat konnte nicht mit Morden, wie sie in Marikana geschehen sind, antworten, denn die Streiks fanden in den Industrieregionen um Durban statt, aber sie beschworen die selbe Vorstellung von ignorant, fehlgeleiteten ArbeiterInnen herauf (damals wurden sie als ignorante Zulus betrachtet) und der Anführer der homelands, Mangosutho Buthelezi, schickte seinen Emissär, Barney Dladla, um mit den ArbeiterInnen zu sprechen.

Im Exil warf die SACP 16 die Frage nach den Nutznießern des Streiks auf und benutzte das Engagement von Buthelezi, um die Vorstellung von „ignoranten Zulus“ zu verewigen, denn sie war nicht gerufen worden und die Streiks wurden nicht von der offiziellen Befreiungs-Organisation – SACTU 17 – angeführt. Einige in den Kreisen von SACTU – SACP (wie Blade Nzimande heute) beschworen die Einmischung eines Spektrums von Liberalen bis CIA in den neuen Formierungen der ArbeiterInnen, und die Absicht, „die Befreiungsbewegung auf Abwege zu führen“. Diese Entfernung des ANC und seiner Verbündeten von der früheren ArbeiterInnenbewegung musste zur Spaltung zwischen den „arbeiterInnenorientierten Gewerkschaften“ (die unabhängigen) und den „populistischen Gewerkschaften“ in der ArbeiterInnenbewegung führen und sollte sich fortsetzen innerhalb von COSATU, bis zur Periode der politischen Verhandlungen, als es mehr oder weniger eine Übereinstimmung gab darin, dass der ANC in die Mitte rücken würde.

Wie leicht Menschen vergessen, wenn ArbeiterInnen heute neue Bewegungen schmieden …

Lange Zeit hindurch schafften es die anhaltenden Revolten für grundlegende Dienstleistungen nicht, es bis auf die Laptops und Blackberries der chattenden Klasse zu schaffen. Und zwar wegen der sozialen – und sogar geographischen – Distanz der Mittelklassen zu den neuen working poor und den Armen.

Nun hat der Anblick der Polizisten, die streikende Arbeiter vor laufender Fernsehkamera erschießen, die reale Welt der gegenwärtigen Kämpfe in die Lounges und Schlafzimmer der öffentlichen Meinung gebracht.

Die Form „spontaner“ Revolten breitet sich nun in die industrielle Sphäre aus – das bezeugen die wilden Streiks in den Platinminen bei AngloPlat, Implats und nun Lonmin.

Bisher haben die Streikenden nicht nur gegen die Polizei und Lonmin, das mit Entlassungen droht, durchgehalten, sondern auch gegenüber den Medien, die ihren Streik als „illegal“ abstempeln. Streiks sind in Südafrika nicht illegal, sie sind nur geschützt oder nicht geschützt. Inzwischen stellen sich NUM und COSATU hinter ihren Verbündeten – den ANC –, um die Streikenden und ihre Gewerkschaft als „von BHB Billiton 18 und/oder der Kammer der Minenbesitzer bezahlt“ zu stigmatisieren.

Nehmen wir also inmitten unserer Empörung über diese Brutalität zur Kenntnis, dass eine neue Bewegung auftaucht. Solche frühen Anzeichen verweisen noch nicht auf irgendetwas Großes und Organisiertes. Bewegungen sind zwangsläufig chaotisch und schwer in eine ideologische Schachtel einzuordnen. Wir wissen nicht, welche Höhen und Tiefen die Leute durchmachen müssen, aber wenn die Saat einer neuen Bewegung erst gesät ist, wird es Zeit zu fragen, was der Rest von uns tun kann, um ihr beim Wachsen zu helfen.

***

Leonard Gentle ist Direktor der International Labour Research Group (ILRIG), einer NGO, Unterrichtsmaterialien für AktivistInnen in sozialen Bewegungen und Gewerkschaften.

Anmerkungen

1 The Massacre of Our Illusions …

2Gemeint sind damit die Kämpfe in den „informellen Siedlungen“

3Dreiparteienallianz: ANC, SACP (südafrikanische KP), COSATU (Dachverband der Gewerkschaften)

4Demokratische Allianz, zweite große Partei Südafrikas

5ehemaliger NUM-Vorsitzender

6South African National Civic Organisation, gegründet 2001, Selbstdarstellung auf ihrer homepage (http://www.sanco.org.za/sanco_constitution.pdf)

7South African Youth Congress

8United Democratic Front, Koalition der meisten anti-Apartheid-Organisationen in den 1980er Jahren.

9ANC-Jugendliga

10Aufsteiger, die mittels staatlicher Aufträge Millionen scheffeln

11gemeint ist „informelle Arbeit“

12gemeint sind Strom- und Wasseranschlüsse, Abwasserentsorgung, sanitäre Anlagen und Straßen, die es in den informellen Siedlungen praktisch nicht gibt.

13Diese Form der Minenausbeutung war in den 1990er Jahren in Bolivien sehr verbreitet. Am Cerro Rico, dem ehemals weltgrößten Silberberg der Welt, arbeiteten kleine Gruppen von Arbeitern mit den primitivsten Werkzeugen in ihren eigenen, kleinen Minen, die den Berg zu hunderten von allen Seiten anbohrten. Der Hintergrund in Bolivien war, dass große Unternehmen den Cerro Rico als längst nicht mehr profitabel betrachteten (Anm. d. Übers.)

14Bezugnahme auf die kürzlich erschienene Studie der Bench Marks Foundation zur Situation u.a. der MinenarbeiterInnen in Südafrika.

15Gemeint ist der Besuch des NUM-Präsidenten knapp vor dem Massaker, bei dem dieser es nicht wagte, ein gepanzertes Fahrzeug (Nyala, heißt eigentlich Antilope) der Polizei zu verlassen, als er zu den Streikenden sprach.

16Südafrikanische Kommunistische Partei

17South African Congress of Trade Unions

18Laut bhpbilliton.com „a leading global resources company“

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